Veranstaltungsreihe STARKE FRAUEN

Hermine Berthold
- Eine ganz bescheidene, einfache Frau-

Diese Veranstaltung fand am Sonntag, den 19. Oktober 2014, 10:00 Uhr, Café Ambiente, Bremen, Osterdeich 69a statt.

Referentin war:

Es war wieder mal eine tolleund vor allem volle Veranstaltung mit rund 70 Teilnehmerinnen.

Auftaktveranstaltung der Reihe „Starke Frauen“

Annemarie Mevissen „Der einzige Mann im Senat“
Oder: Annemarie Mevissen und die Frauenfrage

Sonntag, der 14. Oktober 2012, war ein guter Tag für die Bremer ASF. Bei sonnigem Herbstwetter versammelten sich Frauen aller Altersgruppen, um sich der Lebensgeschichte einer bedeutenden bremischen Politikerin zu widmen. Während des gemeinsamen Frühstücks mit Blick auf die Weser half beschwingte Musik aus den 50er bis 70er Jahren, sich in die Zeit zurückzuversetzen, in der Annemarie Mevissen die Politik der Hansestadt mitbestimmte.

Die politische Laufbahn der Annemarie Mevissen (24.10.14 -13.7.06) ist beeindruckend: ab 1947 war sie Mitglied der Bremer Bürgerschaft, ab 1951 Senator, 1967-75 Bürgermeister, und 2006 folgte die Verleihung der Ehrenbürgerschaft. Sie war die erste Frau, die in einem Bundesland das Amt eines stellvertretenden Regierungschefs innehatte und legte Wert auf die Benennung ihrer Ämter in der traditionellen männ¬lichen Form. Der Vortrag der Bremer Historikerin Prof. Dr. Renate Braun begann mit dem Höhepunkt ihrer Karriere, dem couragierten Auftreten bei den sog. Straßenbahnunruhen im Januar 1968, als es ihr gelang, die aufgeheizte Stimmung zu entspannen und mit den protestierenden Jugendlichen ins Gespräch zu kommen. Danach wurde sie in der Öffentlichkeit als „einziger Mann im Senat“ tituliert – was sie zur Berichtigung veranlasste: „Ich bin nicht der einzige Mann im Senat, ich bin die einzige Frau im Senat.“

Auch die Kehrseite der Medaille wurde beleuchtet. Als einzige Frau im Senat hatte Annemarie Mevissen mancherlei Hürden und Klischeevorstellungen zu überwinden, um in der Männerdomäne anerkannt zu werden. Als berufstätige Ehefrau und Mutter wehrte sie sich gegen verbreitete gesell¬schaftliche Vorurteile und suchte, den Anforderungen von Familie und Beruf gleichermaßen gerecht zu werden.

Annemarie Mevissen verstand sich nicht als Frauenrechtlerin, wie die Referentin betonte, aber sie hat den weiblichen Blick in die Senatspolitik eingebracht und durch ihr Wirken maßgeblich dazu beigetragen, Vorurteile auszuräumen und Nachfolgerinnen den Weg zu erleichtern. Insbesondere hat sie die Frauen aufgefordert, nicht nur über Benachteiligungen zu klagen, sondern sich aktiv für die Gesellschaft und in der Gesellschaft zu betätigen: „Mehr Frauen in öffentliche Ämter! Mehr Mut!“ appellierte sie bei öffentlichen Auftritten (1969-1972).

Prägnante Worte von Annemarie Mevissen waren an diesem Vormittag allgegenwärtig. Nicht zuletzt waren sie auf den ausgelegten ASF-Visitenkärtchen zu finden, um mit nach Hause genommen werden. Nach ihrem Ausscheiden aus dem Amt äußerte sie:„Wenn eine Frau glaubt, sie wäre gleichberechtigt, so irrt sie sich.“ Die Defizite der gesellschaftlichen Teilhabe von Frauen sind seit langem bekannt, bestehen aber fast unvermindert fort. In den anschließenden Gesprächen wurde deutlich, wie unterschiedlich jüngere und ältere Frauen dies heute erleben.

Besonders erfreulich fanden wir, dass zwei vom Bremer Frauenausschuß zur „Frau des Jahres“ ausgezeichnete Frauen der Einladung gefolgt waren, Frau Karin Stieringer (2006) und Frau Gabriele Hüttinger (2010). Frau Stieringer übergab der ASF-Vorsitzenden Verena Behrens ein von Annemarie Mevissen gezeichnetes Landschaftsbild – verbunden mit dem Wunsch, es für karikative Zwecke zu verwenden. Auf Initiative von Frau Hüttinger wurden die Reste des reichhaltigen Frühstücksbuffets nach Abschluss der Veranstaltung eingesammelt und dem „Bremer Suppenengel„ zur Verfügung gestellt.

In Bremen gab und gibt es viele starke Frauen. Für unser Anliegen, die Erinnerung an Frauen wachzuhalten, die etwas in der Gesellschaft bewegt haben, gab es viel Zustimmung. „Starke Frauen brauchen noch immer Unterstützung“, haben uns Besucherinnen ins Gästebuch geschrieben. Wir arbeiten daran

Anna Stiegler (21.4.1881 - 23.6.1963)
Antifaschistin – Sozialpolitikerin – Frauenpolitikerin
Sonntag, den 21. April 2013, Café Ambiente, Bremen, Osterdeich 69a
Referentin: Prof. Dr. Renate Meyer Braun

Es ist Anna Stiegler nicht in die Wiege gelegt worden, dass sie eine der wichtigsten Frauen in der Bremer SPD und der bekanntesten Persönlichkeiten der Bremer Politik werden sollte. Als sie mit 14 Jahren die Schule verließ, wurde sie in eine Haushaltsschule geschickt, um als Hausmädchen und Kinderfräulein ihren Lebensunterhalt bis zur Heirat zu verdienen. Als Ehefrau eines Schneidermeisters 1903 nach Blumenthal gekommen, wurde ihr ein Jahr später der SPD-Parteitag in Bremen zum politischen Schlüsselerlebnis. Sie war nicht selber dabei – weil sie sich nach eigener Aussage nicht traute -, las aber alle Reden der „Großen“ in der „Bremer Bürgerzeitung“ wie eine Offenbarung.

Bis 1908 war es in Preußen „Frauenspersonen, Schülern und Lehrlingen“ verboten, politischen Parteien beizutreten oder politische Versammlungen zu besuchen. Blumenthal war preußisch und kam erst 1939 zu Bremen, wo im 19. Jahrhundert die Ausgrenzung von Frauen aus dem politischen Leben nur zeitweise strikt und ansonsten lockerer gehandhabt wurde. Das Misstrauen der Obrigkeit gegen die sozialistische Arbeiter- und Frauenbewegung war jedoch groß genug, um politische Veranstaltungen unter polizeiliche Aufsicht zu stellen und sie bei Regelüberschreitungen auflösen zu lassen Von vielen politischen Ereignissen und Persönlichkeiten wüssten wir wenig, hätten Polizeikommissäre nicht penibel Protokoll geführt.

Die Historikerin Renate Meyer Braun, ausgewiesene Kennerin der Bremer Politik, die schon „Frau Bürgermeister Annemarie Mevissen“ vorzüglich portraitiert hat, fand die rechten Worte, uns mit Anna Stiegler eine der der bedeutendsten Politikerinnen der Bremer SPD im 20. Jahrhundert nahezubringen.

Rita Bardenheuer (5.6.1877-15.2.1943)
Ein Leben für Frauenrechte und Mutterschutz

Referentin: Edith Laudowicz

Rita Bardenheuer, die Lehrerin aus bürgerlichem Milieu engagierte sich für die „Besserung der rechtlichen Lage“ der Frauen aller Stände. Sie betonte die Notwendigkeit, Frauen an der Demokratisierung der Gesellschaft zu beteiligen.
Nach dem Ersten Weltkrieg zog sie für die SPD in die Bremer Bürgerschaft ein und widmete sich frauen- und sozialpolitischen Themen. Nach ihrem Austritt aus der SPD setzte sie sich weiterhin für die Reorganisation des Wohlfahrtswesens, für die Mutterschutzbewegung und die internationale Friedensbewegung ein.

Der 1904/05 gegründete „Bund für Mutterschutz und Sexualreform“ kämpfte gegen eine Doppelmoral, die ledige Mütter und deren Kinder gesellschaftlicher Ächtung preisgab, während es den Vätern leicht gemacht wurde, sich Zahlungsverpflichtungen zu entziehen. Vaterschafts¬klagen wurden als schamlose Angriffe auf „tadellose Männer“ und deren Familien diffamiert. Die bürgerliche Familie galt als Hort der Sittlichkeit, Unehelichkeit als Unterschichten-Phänomen.
Der Mutterschutzbund forderte die Besserstellung der Mütter in rechtlicher, wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht, betrieb Beratungsstellen und Mütterheime und setzte sich für eine Reform der Sexualmoral ein. Wer sich dafür engagierte, wurde zur Zielscheibe wüster Unterstellungen und Beschimpfungen.

Edith Lauowicz, 1946 in Delmenhorst geboren, ist Hotelfachfrau und Diplompädagogin und hat in Bremen, Berlin, Bonn und New York gearbeitet. Für den Frauen- Erwerbs- und Ausbildungsverein war sie 15 Jahre als Projektleiterin, Dozentin und Geschäftsführerin tätig. Sie schreibt Bücher und Artikel zu Frauenthemen u.a. auch für die http://www.frauenseiten.bremen.de/ und setzt sich für gerechtere Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie ein. Sie ist derzeit 1. Vorsitzende des Bremer Frauenmuseum e.V.

Ottilie Hoffmann

Am Sonntag, den 27. Oktober 2013, um 10 Uhr, fand die Veranstaltung über Ottilie Hoffmann (14.7.1835-20.12.1925) aus einem ganz besonderen Grund im Café Ambiente am Osterdeich statt: Es ist eines der letzten Ottilie-Hoffmann-Häuser. Cecilie Eckler-von Gleich referierte über das Leben der berühmten und engagierten Bremerin.
Ottilie Hoffmann ist in einer gutbürgerlichen Umgebung aufgewachsen, und hat als „höhere“ Tochter die zu ihrer Zeit bestmögliche Bildung genossen. Während ihrer Tätigkeit als Erzieherin in England kam sie mit den Ideen der Abstinenzbewegung in Berührung. Der Kampf gegen die unheilvollen Folgen der Trunksucht beeindruckte sie so, dass er ihr fortan zum Lebensinhalt wurde. Als sie z.B. in Bremen beobachtete, dass Arbeiter mit Bier und Schnaps entlohnt wurden, organisierte sie Kaffee- und Tee-Ausschank direkt an den Arbeitsstätten. Eng mit ihrem Namen verbunden sind die Ottilie-Hoffmann-Häuser, alkoholfreie Speisehäuser, die in Bremen sehr populär wurden und erst in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts allmählich verschwanden. Eines der letzten ist das Café Ambiente am Osterdeich.

Mit der Gründung des Deutschen Bundes abstinenter Frauen in Bremen fand Deutschland 1900 als letztes nordeuropäisches Land Anschluss an die internationale Frauen-Abstinenzbewegung. Frauen in weiteren großen deutschen Städten folgten dem Beispiel. Es ging ihnen um die Schaffung einer neuen Trinkkultur, um Aufklärung und Erziehung, um Vorbeugung gegen Alkoholmissbrauch und Einflussnahme auf die Gesetzgebung. Diesen Zielen fühlt sich der Deutsche Frauenbund für alkoholfreie Kultur landes- und bundesweit bis heute verpflichtet. Dass der Frauenbund die NS-Zeit als selbständiger Verein überlebte, ist vor allem der Nachfolgerin Ottilie Hoffmanns, Anna Klara Fischer, zu danken.
Unsere Referentin, Cecilie Eckler-von Gleich, geboren am 22.September 1952 in Bremen, 1. und 2. Staatsexamen Politik und Germanistik, verheiratet, zwei Kinder, ist seit 1986 Leiterin des Geschichtsarchiv zur Alltagsgeschichte (Bremer Westen und Bremen), das im Waller Kulturzentrum Brodelpott e. V. angesiedelt ist. Als Enkelin von Anna Klara Fischer hat sie einen sehr persönlichen Bezug zu den Ottilie-Hoffmann-Häusern und der Lebensgeschichte der Begründerin.

Käthe Popall

Die ASF des Landes Bremen hat die 150jährige Geschichte der Bremer SPD zum Anlass genommen, über die Frauen zu sprechen, die die soziale und demokratische Entwicklung im Stadtstaat Bremen mitgeprägt haben.
Am Sonntag, den 9.März 2014 stand Käthe Popall (15.2.1907-23.5.84) im Fokus, Bremens erste Senatorin

Die Referentin war Prof. Dr. Inge Buck


Käthe Popall (geb. Fürst, gesch. Lübeck) ist 1907 in Bremen geboren und in Walle in einer SPD-Familie aufgewachsen. Ihre politische Entwicklung begann in der Gewerkschaftsjugend und der SAJ. Mit ihrem späteren Ehemann Hans Lübeck schloss sie sich einem kommunistischen Jugendverband an und wurde 1930 erstmals als Abgeordnete der KPD in die Bürgerschaft gewählt. Als Wider¬stands¬kämpferin gegen die Naziherrschaft wurde sie 1935 verhaftet und 1937 zu 12 Jahren Zuchthaus verurteilt. Als sie 1946 als erste Frau in den Bremer Senat berufen wurde, schien die Zeit der Enttäuschungen und Niederlagen vorbei zu sein, aber der sich anbahnende „Kalte Krieg“ beendete bereits zwei Jahre später ihren politischen Aufstieg.

Käthe Popall hatte mit Haftgenossinnen wie den Bremer Sozialdemokratinnen Anna Stiegler und Hermine Berthold geschworen, nach dem Krieg nicht dieselben Fehler zu wiederholen, sondern parteiübergreifend zusammenzuarbeiten. Wirklichkeit geworden ist ihr Ziel nur als Mitbegründerin des Bremer Frauenausschuss 1946 mit Anna Stiegler und Käthe Popall im Vorstand. Die anfänglich erfolgreiche Arbeit verlor mit der Zuspitzung der Ost-West-Konfrontation an Durchschlagskraft, da weder in frauenspezifischen Fragen wie dem § 218 noch bei allgemeinen Fragen wie der Wiederaufrüstung der Bundesrepublik unter den angeschlossenen Frauenorganisationen Einigkeit erzielt werden konnte. Die ursprüngliche Idee, dass Frauen es schaffen könnten, politische Gräben zu überwinden, schien gescheitert zu sein. Wieweit sie trägt, bleibt dennoch abzuwarten, denn immerhin kann der Bremer Frauenausschuss auf sein fast 70jähriges Bestehen zurückblicken.


Unsere Referentin, Frau Prof. Dr. Inge Buck ist pensionierte Hochschullehrerin.
Sie lebt und arbeitet seit 1975 in Bremen als Kulturwissenschaftlerin und Lyrikerin.
Als Mitbegründerin der wissenschaftlichen Einheit Frauenstudien und Frauenforschung an der Hochschule Bremen verdanken wir ihr viele frauenspezifische Veröffentlichungen.
Im Besonderen eine intensive Beschäftigung mit der Lebensgeschichte von Käthe Popall - noch zu deren Lebzeiten und den letzten Lebensjahren. Aus der persönlichen Begegnung erwächst so ein tieferes Verständnis für eine ungewöhnliche Frau als durch das Studium historischer Quellen. Im Rahmen unserer Veranstaltung wird die Referentin auch Tondokumente einsetzen.