STARKE FRAUEN - RADIKAL SOZIAL UND DEMOKRATISCH

Auftaktveranstaltung der Reihe „Starke Frauen“

Annemarie Mevissen „Der einzige Mann im Senat“
Oder: Annemarie Mevissen und die Frauenfrage

Sonntag, der 14. Oktober 2012, war ein guter Tag für die Bremer ASF. Bei sonnigem Herbstwetter versammelten sich Frauen aller Altersgruppen, um sich der Lebensgeschichte einer bedeutenden bremischen Politikerin zu widmen. Während des gemeinsamen Frühstücks mit Blick auf die Weser half beschwingte Musik aus den 50er bis 70er Jahren, sich in die Zeit zurückzuversetzen, in der Annemarie Mevissen die Politik der Hansestadt mitbestimmte.

Die politische Laufbahn der Annemarie Mevissen (24.10.14 -13.7.06) ist beeindruckend: ab 1947 war sie Mitglied der Bremer Bürgerschaft, ab 1951 Senator, 1967-75 Bürgermeister, und 2006 folgte die Verleihung der Ehrenbürgerschaft. Sie war die erste Frau, die in einem Bundesland das Amt eines stellvertretenden Regierungschefs innehatte und legte Wert auf die Benennung ihrer Ämter in der traditionellen männ¬lichen Form. Der Vortrag der Bremer Historikerin Prof. Dr. Renate Braun begann mit dem Höhepunkt ihrer Karriere, dem couragierten Auftreten bei den sog. Straßenbahnunruhen im Januar 1968, als es ihr gelang, die aufgeheizte Stimmung zu entspannen und mit den protestierenden Jugendlichen ins Gespräch zu kommen. Danach wurde sie in der Öffentlichkeit als „einziger Mann im Senat“ tituliert – was sie zur Berichtigung veranlasste: „Ich bin nicht der einzige Mann im Senat, ich bin die einzige Frau im Senat.“

Auch die Kehrseite der Medaille wurde beleuchtet. Als einzige Frau im Senat hatte Annemarie Mevissen mancherlei Hürden und Klischeevorstellungen zu überwinden, um in der Männerdomäne anerkannt zu werden. Als berufstätige Ehefrau und Mutter wehrte sie sich gegen verbreitete gesell¬schaftliche Vorurteile und suchte, den Anforderungen von Familie und Beruf gleichermaßen gerecht zu werden.

Annemarie Mevissen verstand sich nicht als Frauenrechtlerin, wie die Referentin betonte, aber sie hat den weiblichen Blick in die Senatspolitik eingebracht und durch ihr Wirken maßgeblich dazu beigetragen, Vorurteile auszuräumen und Nachfolgerinnen den Weg zu erleichtern. Insbesondere hat sie die Frauen aufgefordert, nicht nur über Benachteiligungen zu klagen, sondern sich aktiv für die Gesellschaft und in der Gesellschaft zu betätigen: „Mehr Frauen in öffentliche Ämter! Mehr Mut!“ appellierte sie bei öffentlichen Auftritten (1969-1972).

Prägnante Worte von Annemarie Mevissen waren an diesem Vormittag allgegenwärtig. Nicht zuletzt waren sie auf den ausgelegten ASF-Visitenkärtchen zu finden, um mit nach Hause genommen werden. Nach ihrem Ausscheiden aus dem Amt äußerte sie:„Wenn eine Frau glaubt, sie wäre gleichberechtigt, so irrt sie sich.“ Die Defizite der gesellschaftlichen Teilhabe von Frauen sind seit langem bekannt, bestehen aber fast unvermindert fort. In den anschließenden Gesprächen wurde deutlich, wie unterschiedlich jüngere und ältere Frauen dies heute erleben.

Besonders erfreulich fanden wir, dass zwei vom Bremer Frauenausschuß zur „Frau des Jahres“ ausgezeichnete Frauen der Einladung gefolgt waren, Frau Karin Stieringer (2006) und Frau Gabriele Hüttinger (2010). Frau Stieringer übergab der ASF-Vorsitzenden Verena Behrens ein von Annemarie Mevissen gezeichnetes Landschaftsbild – verbunden mit dem Wunsch, es für karikative Zwecke zu verwenden. Auf Initiative von Frau Hüttinger wurden die Reste des reichhaltigen Frühstücksbuffets nach Abschluss der Veranstaltung eingesammelt und dem „Bremer Suppenengel„ zur Verfügung gestellt.

In Bremen gab und gibt es viele starke Frauen. Für unser Anliegen, die Erinnerung an Frauen wachzuhalten, die etwas in der Gesellschaft bewegt haben, gab es viel Zustimmung. „Starke Frauen brauchen noch immer Unterstützung“, haben uns Besucherinnen ins Gästebuch geschrieben. Wir arbeiten daran

Marie Mindermann

Trotz des unerwarteten Wintereinbruchs waren am Sonntag, den 10. März 2013 die meisten derer, die sich angemeldet hatten, ins Café Ambiente gekommen, um zu erfahren, was es mit den in der Einladung angekündigten „Phantasien der Demoiselle Mindermann“ auf sich hatte.

Die Historikerin Dr. Hannelore Cyrus erzählte kenntnisreich und pointiert von den Ereignissen, die Mitte des 19. Jahrhunderts die Bremer Gesellschaft erregte. In einer anonymen Schrift war die Entlassung des „demokratisch“ gesinnten und beliebten Pastors Dulon scharf kritisiert und dem Senat Rechtsbeugung und Willkür vorgeworfen worden. Als intensive Ermittlungen ergaben, dass Marie Mindermann den Text verfasst hatte, änderte sich der öffentliche Tenor: es ging nicht mehr um eine ernstzunehmende Kritik, sondern um „kirchenrechtliche Phantasien“ einer Frau, die sich erfrecht hatte, von Dingen zu schreiben, von denen sie „naturgemäß“ nichts verstand. Die Referentin kommentierte anschaulich „Man hatte einen Löwen gesucht und fand - ein Eichhörnchen!“ (mir ist noch nicht klar, ob es ein Mindermann-Zitat ist, oder ob unsere Referentin dies Bild geprägt hat. Werde ich nachprüfen.)

Woher nahm die von Haus aus wenig gebildete Handwerkers Tochter die Kraft, sich autodidaktisch die Kenntnisse anzueignen, die sie zu scharfsinniger Analyse der gesellschaftlichen Verhältnisse befähigten? Woher nahm sie, die zu weiblicher Bescheidenheit erzogen worden war, den Mut, sich öffentlich zu äußern und ihre Schrift zu verteidigen? Der Appell einer Teilnehmerin, sich an diesem Beispiel aufzurichten und Missachtung und Ungerechtigkeit nicht länger schweigend hinzunehmen, hat sicher vielen der anwesenden Frauen aus der Seele gesprochen.

Rund 150 Jahre sind vergangen, seit Marie Mindermann dafür gestritten hat, daß Frauen durch Bildung und Ausbildung befähigt werden, Männern ebenbürtig und gleichberechtigt zur Seite zu stehen und entsprechend geachtet zu werden. Es wird noch von vielen Bremerinnen zu reden sein, die sich in ähnlicher Weise beispielhaft hervorgetan haben.

Anna Stiegler (21.4.1881 - 23.6.1963)
Antifaschistin – Sozialpolitikerin – Frauenpolitikerin

Sonntag, den 21. April 2013, Café Ambiente, Bremen, Osterdeich 69a
Referentin: Prof. Dr. Renate Meyer Braun

Es ist Anna Stiegler nicht in die Wiege gelegt worden, dass sie eine der wichtigsten Frauen in der Bremer SPD und der bekanntesten Persönlichkeiten der Bremer Politik werden sollte. Als sie mit 14 Jahren die Schule verließ, wurde sie in eine Haushaltsschule geschickt, um als Hausmädchen und Kinderfräulein ihren Lebensunterhalt bis zur Heirat zu verdienen. Als Ehefrau eines Schneidermeisters 1903 nach Blumenthal gekommen, wurde ihr ein Jahr später der SPD-Parteitag in Bremen zum politischen Schlüsselerlebnis. Sie war nicht selber dabei – weil sie sich nach eigener Aussage nicht traute -, las aber alle Reden der „Großen“ in der „Bremer Bürgerzeitung“ wie eine Offenbarung.

Bis 1908 war es in Preußen „Frauenspersonen, Schülern und Lehrlingen“ verboten, politischen Parteien beizutreten oder politische Versammlungen zu besuchen. Blumenthal war preußisch und kam erst 1939 zu Bremen, wo im 19. Jahrhundert die Ausgrenzung von Frauen aus dem politischen Leben nur zeitweise strikt und ansonsten lockerer gehandhabt wurde. Das Misstrauen der Obrigkeit gegen die sozialistische Arbeiter- und Frauenbewegung war jedoch groß genug, um politische Veranstaltungen unter polizeiliche Aufsicht zu stellen und sie bei Regelüberschreitungen auflösen zu lassen Von vielen politischen Ereignissen und Persönlichkeiten wüssten wir wenig, hätten Polizeikommissäre nicht penibel Protokoll geführt.

Die Historikerin Renate Meyer Braun, ausgewiesene Kennerin der Bremer Politik, die schon „Frau Bürgermeister Annemarie Mevissen“ vorzüglich portraitiert hat, fand die rechten Worte, uns mit Anna Stiegler eine der der bedeutendsten Politikerinnen der Bremer SPD im 20. Jahrhundert nahezubringen.

Auguste Kirchhoff (13.6.1862-1943)
„Mensch sein, heißt Kämpfer sein!“

Diese Veranstaltung fand am Sonntag, den 20. Juli 2014 10:00 Uhr, Café Ambiente, Bremen, Osterdeich 69a statt.

Referentin war: Dr. Dr. Hannelore Cyrus

Was für eine Kämpferin – für das Frauenstimmrecht, gegen die Diskriminierung lediger Mütter, für eine neue Sexualmoral und gegen Prostitution, für den Frieden und gegen das kommende Dritte Reich - unermüdlich und unbeirrbar trotz Anfeindungen und Diffamierungen. Sie provoziert mit radikalen Forderungen, und als sie 1915 mitten im Krieg an einer internationalen Friedenskonferenz in Den Haag teilnimmt und darüber in einer Bremer Zeitung berichtet, schlägt ihr offener Hass entgegen, nicht zuletzt von Frauen.

Der „Bund für Mutterschutz und Sexualmoral“ wird 1905 in Berlin gegründet. Sein Programm umfasst Maßnahmen zur wirtschaftliche Besserstellung der Mütter, die Errichtung von Mütterheimen sowie juristische und ärztliche Beratung, vor allem aber den Kampf gegen die Verfemung der Mütter und die ungerechte Gesetzeslage, die den Müttern alle Lasten aufbürdet, ohne die Väter genügend heranzuziehen. 1909 gründet Kirchhoff eine Ortsgruppe in Bremen. Die caritativ-praktische Seite der Arbeit soll die unmittelbare Not lindern, die sozial-ethische der heuchlerischen Doppelmoral entgegenwirken. Damit setzt sich der Bund ab von konventioneller Wohltätigkeit, der es um Buße und Besserung der „gefallenen“ Frauen geht.
Die Referentin Dr. Dr. Hannelore Cyrus war seit 1979 Lehrbeauftragte und Wissen¬schaft-liche Assistentin an der Universität Bremen im Studiengang Sozialwissenschaften, mit den Arbeits¬schwerpunkten historische Frauenforschung, Kriminologie und empirische Sozialforschung. Darüber hinaus war sie Freie Mitarbeiterin im Wissenschaftsfunk von Radio Bremen. Sie war Mitgründerin des Kultur-, Kommunikations- und Bildungszentrums „belladonna“ in Bremen und Vorstandsvorsitzende des Vereins seit seinem Bestehen. Sie ist Autorin zahlreicher wissenschaftlicher Publikationen und hat sich u.a. intensiv mit Auguste Kirchhoff auseinandergesetzt.