FRAUENGESCHICHTLICHER STADTRUNDGANG

Frauengeschichtlicher Stadtrundgang

Auf Einladung der Landes-ASF haben sich 16 Frauen um 11 Uhr „bei den Schweinen“ am Ende der Sögestraße eingefunden. Zwei der angemeldeten Frauen waren leider kurzfristig an der Teilnahme gehindert, vier Frauen hatten das Pech, auf dem Weg nach Bremen mit einer Auto-Panne steckenzubleiben. Wer dabei war, konnte erleben, wie ChristineHolzner-Rabe es verstand, die Spuren bremischer Frauen im Stadtbild lebendig werden zu lassen. Die Fülle geschichtlicher Daten und Ereignisse im Gedächtnis zu behalten, war kaum möglich. Wer sich Einzelheiten zur Lebensgeschichte der beim Rundgang genannten Bremerinnen in Erinnerung rufen möchte, kann sie auf der Webseite des„Bremer Frauen Museum“ unter „Frauenportraits“ nachlesen.

Stationen des Rundgangs:

1. Denkmal von Metta Cordes, geb. Behrens in der Knochenhauer Straße
Die Lebensgeschichte von „Mudder Cordes“ (1815-1905) zeigt eindrucksvoll, wie es eine Witwe mit 5 Kindern im 19. Jahrhundert schafft, mit Tatkraft, Einfallsreichtum und ein bisschen Glück das Leben zu meistern und die Achtung der Mitbürgerinnen und Mitbürger zu gewinnen.

2. Bremer Frauenerwerbs- und Ausbildungsverein, Carl-Ronning-Str. 2
Zwei Reliefs hoch unterm Giebel erinnern daran, dass Koch- und Schneiderkurse ein wesentlicher Teil des Ausbildungsprogramms waren. Zwei Frauen haben die Entwicklung des Vereins, der 1867 als „Verein zur Erweiterung des weiblichen Arbeitsgebietes“ gegründet wurde, maßgeblich geprägt:
Mathilde Lammers (1837-1905) und Agnes Heineken (1872-1954)
Die Vereinsgründung entsprang der Notlage alleinstehender Frauen im 19. Jahrhundert, mit überwiegend dürftiger Bildung und ohne Berufsausbildung ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Die kümmerliche Mädchenbildung veranlasste Betty Gleim, 1806 eine Lehranstalt für Mädchen in Bremen zu gründen.

3. Katharinen-Straße
Der Name erinnert an das St. Katharinenkloster der Dominikaner (1253-1528), ein
Männerkloster, das der heiligen Katharina von Alexandrien geweiht war.
Der Legende nach war Katharina eine ebenso kluge wie unbeugsame Frau, die etwa 300-400 Jahre n. Chr. gelebt haben und unter der Folter gestorben sein soll. Ihr Attribut ist das Rad, das ihr Martyrium symbolisiert. Das Rad taucht heute noch als Design-Element in der Katharinen-Passage auf sowie als grünes Gebinde an ihrem jährlichen Gedenktag Ende November.
In der Katharinenstraße stand das letzte, von Ottilie Hoffmann 1920 noch selbst gegründete alkoholfreie Speisehaus, das im Zweiten Weltkrieg völlig zerstört wurde.
 
4. Unserer Lieben Frauen
In dieser Kirche predigte ab 1848 als 2. Pastor der revolutionär und demokratisch gesinnte Rudolph Dulon, der beim einfachen Volk alsbald überaus populär wurde und sich damit den Unmut der pietistisch gesinnten Bremer Oberschicht zuzog. Die widerrechtliche Absetzung des streitbaren Predigers durch den Senat mobilisierte und politisierte die unverheiratete Schriftstellerin Marie Mindermann. Sie ergriff in anonymen Schriften Partei für ihn und büßte dafür mit Gefängnishaft und Schreibverbot. Dass sie für ihre schriftstellerischen Arbeiten nur noch weit außerhalb Bremens Verleger fand, brachte sie in existenzielle Schwierigkeiten. Zusammen mit Ottilie Hoffmann und anderen gründete sie 1867 den bereits erwähnten „Verein zur Erweiterung des weiblichen Arbeitsgebietes“.

4. Roland-Denkmal auf dem Marktplatz
Zu Füßen der Roland-Statue ist ein Kopf zu sehen, der an die Legende erinnert, wonach Emma Gräfin von Lesum der Stadt einst ein riesiges Stück Land schenkte, von dem ein kleiner Teil heute noch den Namen „Bürgerweide“ trägt, der größere Teil als „Bürgerpark“ und „Stadtwald“ fortbesteht. Die Legende ist historisch nicht belegbar, sondern überliefert die Einsicht, dass Werke, die auf Großzügigkeit und Solidarität beruhen, länger Bestand haben als alles, was aus Habgier und Geiz erwächst.

5. Rathaus-Arkaden
Vor ca. 400 Jahren wurden die vormals dort angebrachten Wappen durch Frauenfiguren ersetzt. Ihre Bedeutung mag von Historikern unterschiedlich interpretiert werden. Für die heutige Betrachterin wird die Hinwendung der bremischen Gesellschaft zu sinnenfroher Weltlichkeit besonders an der Figur der „Brema“ augenfällig: Nackt auf einem Delphin reitend und den Bremer Schlüssel schwingend.

5. Haus der Bürgerschaft
Am Haus der Bürgerschaft rechterhand ist noch ein kleiner Teil des früheren Gebäudes zu sehen, das im 2. Weltkrieg zerstört wurde. Es erinnert an die Bürgerschaft, die nach dem Ende des 1. Weltkriegs erstmals von allen Bürgerinnen und Bürgern frei gewählt wurde und in der erstmals Frauen vertreten waren. Eine dieser ersten Politikerinnen war Dr. Verena Rodewald, eine Frau aus bester Bremer Gesellschaft mit herausragender Bildung (Gründerin des Bremer Frauenstadtbundes als Dachorganisation aller Vereine, die sich für Frauenrechte und –emanzipation einsetzten).Als Parlamentarierin setzte sie diese Arbeit ab 1919 mit größter Hartnäckigkeit fort, bis die Machtübernahme der Nationalsozialisten ihrer politischen Tätigkeit ein Ende setzte.
6. Böttcherstraße
Alle Häuser der Böttcherstraße wurden zwischen 1921 und 1931 neu erbaut – bis auf das Haus Nr. 6, das aus dem 16. Jahrhundert stammt. Das sog. Ludwig-Roselius-Haus gehörte vormals Rebecka Pennmeyer und ihrer Nichte Anna Margaretha Buschmann. Über die beiden Frauen ist fast nichts bekannt, außer dass sie einen Plan hatten, ihr Haus, das älteste und schönste in der Straße, vor dem Verfall zu retten. An einem Tag im Jahre 1902 überredeten sie den reichen und kunstsinnigen Kaufmann Ludwig Roselius, ihr Haus zu kaufen und vertraglich zuzusichern, dass es niemals abgerissen werden würde. So geschah es.